Mar 3, 2009

the sound for now - my playlist feb. 2009

Zeit für ein wenig Leben hier...

Was folgt, ist ein kurzer Einblick in die Musik, die mich diesen Monat am Laufen und Leben und meine Abspiel-Software am Rotieren hielt - die Alben sind in keiner spezifischen Reihenfolge aufgelistet, sondern stimmungsabhängig zu genießen. Abwechslung ist die Kunst, und dies ist bei weitem keine neue Einsicht!

Thursday - Common Existence(Epitaph 2009)

Thursdays "Full Collapse" (2001) war eines jener musikalischen Erlebnisse, die meine Jugend formten. Es ist noch heute einmalig in seiner Intensität und Leidenschaft. Zumindest in Europa war es damals auch überhaupt kein Problem, zu seinen Gefühlen zu stehen und somit "Emo" zu sein. Das ist mittlerweile wohl anders. Zum Glück war Emo für mich nie eine Art, wie man seinen Scheitel und die Jeans trägt... "Common Existence" ist natürlich kein zweites "Full Collapse", und auch wenn es eine Zeit gab, in der ich mir nichts sehnlicher gewünscht hätte als das ("War all the Time" war schon eine Enttäuschung!), funktionieren Thursday mittlerweile um einiges besser als auf ihren letzten Alben. Es scheint wirklich so, dass der Labelwechsel zu Epitaph und eine wait and see-Einstellung Wunder gewirkt haben. Natürlich gibt es technisch anspruchsvollere Kapellen, doch das etwas postrockigere Gewand steht Thursday ausgesprochen gut. Die oft angeführten Envy-Referenzen aufgrund einer gemeinsamen EP (, die übrigens relativ schwach ausfiel, was aber v.a. an den heute so zahnlosen Japanern von Envy lag) kann ich nun nicht wirklich ausmachen, Thursday bleiben auch aufgrund der stimmlichen Präsenz Geoff Rickleys immer noch Thursday. Sie werden zum Ende von "Common Existence" hin zunehmend ruhiger und ich ertappe mich dabei, die Musik nur noch im Hintergrund zu verfolgen, während meine Aufmerksamkeit sich anderen Dingen zuwendet. Das zumindest wäre anno 2001 nicht vorgekommen. Ich werde wohl gleich noch einmal "Full Collapse" hervorkramen; Eine solche Atmosphäre, die mit einem Intro aufnimmt und einem Outro wieder in die normale Welt entlässt, ist einmalig! Samt der großartigen Steigerung "Autobiography of a Nation", dem emotionalen Wechselbad "Paris in Flames" und dem zu Tränen rührenden Schlussakt in "How Long is the Night?".

Anspieltipps hier: Tracks 1-4 zur Eingewöhnung und dann den Rest durchhören!

Gifts From Enola - Loyal Eyes Betrayed the Mind (Mylene Sheath 2006)

Es ist wie ein Traum.

Ich wandere über sanften Boden. Das Gras ist nass, ich spüre es an meinen nackten Füßen, die hinüber schweben, obwohl doch Winter ist und nur welkes Gras aus dem letzten Jahr auf Wiederbelebung wartet. Von rechts summt eine Melodie heran, eine Gitarre verfängt sich im Delay ihres stark rhythmisierten Metalriffes, wird von einer zweiten Melodie verfolgt und geht in einen himmlischen Basslauf über, nur um sich direkt im Anschluss in noch gewaltigere Höhen zu schrauben, mit einer absolut gewaltigen und dennoch klaren Verzerrung. Ein sphärisches Zwischenstück lässt unseren Traum sanft ausklingen. Und das in nur einem Stück.

Gifts From Enola spielen instrumentalen Postrock. Das ist soweit nichts Neues und gerade mächtig in Mode, möchte man kritisch anmerken. Der Unterschied aber liegt darin, dass sie uns genau das geben, was wir uns immer gewünscht haben: Neben all diesen wundervollen atmosphärischen und verträumten Parts, zu denen man einfach nur mit offenem Mund staunen kann und Tränen ob ihrer verschwenderischen Schönheit vergießen möchte, können Gifts From Enola nämlich auch noch richtig geil rocken! Ich bin versucht zu sagen, genau das hat in diesem Genre bisher gefehlt... Nur dass jetzt ja nicht Zehntausend auf den Gedanken kommen, genau das nachmachen zu wollen!

Ist besser als Caspian oder Russian Circles, die ich in letzter Zeit angebetet habe. Ein Stück Musik gewordene Schönheit, wie sie in Worten nicht auszudrücken ist.

Anspieltipps: Track 1 "Behind Curtains Closing" gibt die Richtung wie in Abstract-Form optimal vor. Zum Glück gehen hernach die Ideen nicht aus. "In the Company of Others" (Track 3) wäre aufgrund seines musikalischen Abwechslungsreichtum einem jeden Musikliebhaber ans Herz zu legen. Wundervolle Leads! Das Delay bei dieser hohen Verzerrung mit einer trocken verzerrten Stakkato-Rhythmusgitarre rockt ohne Ende! Dann kommt eine atmosphärische, elektronisch aufgebügelte Ruhepause, die aber nicht von langer Dauer ist. Gifts From Enola schaffen es glücklicherweise, Stimmungen auf- und abzubauen, mit "Screaming at Anything That Moved" als heimlichem Höhepunkt (Track 7). Absolut umwerfend!

PS: Die Band gibt es erst seit etwa drei Jahren. Wer nach zusätzlichem Stoff sucht, sei auf die ebenfalls geniale Split mit You May Die in the Desert verwiesen.

The Fall of Troy - Phantom on the Horizon EP (Equal Vision 2008)

Ein hässliches Plattencover soll uns nicht davon abhalten, diese 37-Minuten-EP zu unseren neuen Lieblingen hinzuzufügen...

Das Thema des musikalischen Reifungsprozesses dieses Autoren wurde oben bereits zur Genüge ausgewalzt. Ausgelassen wurde jedoch, welche Rolle the Fall of Troy in diesem Prozess spielten. Diese drei verrückten Jungspunde öffneten Augen! Dass so etwas möglich ist, wer hätte das schon gedacht... Astreinen Psychedelic Rock mit heiserem Gekeife und aberwitziger Arbeit an den Instrumenten zu kombinieren und dabei Momente von musikalischer Erhabenheit zu erschaffen, die unter Drogeneinsatz zu begehbaren Landschaften in 3D mutieren...

"Doppelgänger", das Zweitlingswerk von 2005, ist die Referenz für diese Truppe und wird es immer bleiben. Auch diese EP reicht nicht an die Klasse der einzelnen Songs von damals heran, doch ist auch das Konzept ein anderes. Hier wird mehr im Zusammenhang gebaut und die Grenzen zwischen den Songs sind mehr den Konventionen unserer Hörgewohnheiten geschuldet, bzw. um dem Werk des gebührenden opulenten Rahmen in 5 Kapiteln zu gewähren.

Langsam quält sich die EP in "Introverting Dimensions" hinein, wobei selbst im Intro eindeutig die einmalige Federführung dieser Band heraussticht (oder liegt das daran, dass ich es nun zu oft gehört habe und selbst die Dimensionen von Wahrheit und Traum kreativ miteinander kombiniere, in mehreren Bewusstseinsebenen wandele, was insofern bedeutungslos ist als es sich hier sowieso um eine rein subjektive Betrachtung handelt...). Doch schon am Ende von Chapter I blitzt das Können von the Fall of Troy in einer Hingabe von Ohrwurm auf! Bloß um dann in "Chapter II: A Strange Conversation" in einen Hit von wiedergewonnener Güte zu münden. Das letzte Studio-Album "Manipulator" hatte leider viel zu wenig von dieser inneren Kohärenz zu bieten. Die Ähnlichkeit mit den Frühwerken der Band kommt nicht von ungefähr, ist "Phantom on the Horizon" doch ein Re-Release der "Ghostship EP" von 2004. Es bleibt die Hoffnung, dass es dennoch ein Fingerzeig in die weitere Richtung dieser verrückten Barden sein wird. The Fall of Troy ist wohl das Paradebeispiel einer "Post"-Hardcore-Band, in dem Sinne, wie sie die Genregrenzen transzendiert und die Wälle einreißt, die unsere säuberlich formulierten Bewusstseinsschranken bisher erhielten. Dabei waren die Protagonisten zum erstmaligen Erscheinen der EP 2004 gerade mal Knaben von 19 Jahren! Ein Ausbund an irrwitziger Kreativität! Und das Grandiose ist vielleicht sogar, dass all die technischen Raffinesse nicht etwa die Atmosphäre leiden lässt, sondern sie vielmehr befördert. (Thomas Erak wurde 2007 von Alternative Press zum "Guitarist of the Year" erhoben.) Dabei gebe ich bereitwillig zu, dass diese Sorte Musik ein Stück Einfühlungsvermögen voraussetzt.

Anspieltipps: Chapter II: A Strange Conversation, Chapter III: Nostalgic Mannerisms, und dann alles von vorne bis hinten durch am Stück. Kopfhörer-Pflicht und bitte keine Ablenkung!

Russian Circles - Station (Suicide Squeeze 2008)

Langsam bauen sich die Bilder auf. Ein Kinderreigen aus sonnigen Melodien, zwei verträumte Gitarren, beim Tanz ineinander versponnen. Die Atmosphäre verdüstert sich kaum merklich und mündet in Lied zwei in ein dunkles Stakkato-Gewitter, gefolgt von Wällen übereinander gelagerter Akkorde. Nach einem weiteren Lead beruhigt sich die Landschaft wieder. Noch ist sie sich aber nicht ganz sicher. Die Vorsicht ist spürbar. Immer wieder lugt eine schlecht getarnte aggressive Miene hervor.

Und nochmal instrumentaler Post-Rock. Obwohl sie durchaus zu fesseln vermögen, sind Russian Circles aus Chicago jedoch nicht so abwechslungsreich und rhythmisch vielseitig angelegt wie Gifts From Enola. Doch auch sie vermengen ihre lieblichen akustischen Melodien immer wieder mit Ecken und Kanten und metallenen Riffs. Ein ideales Album zum Spaziergang durch einen erwachenden Frühlingswald ebenso wie im Herbst. Ihr Problem ist vielleicht, dass es mittlerweile zu viele dieser instrumentalen Rockbands gibt und sich auch das Niveau insgesamt steigert. Doch gehören Russian Circles eindeutig zu den besseren und sind insbesondere für jene zu empfehlen, die sich ein bisschen Muskeln in diesem Genre wünschen und nicht den "Schöne-Melodien-hoch-und-runter"-Einerlei. Songstrukturen werden aufgebrochen und wieder aufgenommen. Den Sog, den viele ihrer Kollegen erzeugen, streben Russian Circles nicht vordergründig an. Vielleicht entsteht er gerade deswegen aber doch. Nächsten Monat werde ich mich eingehender dem Vorgänger "Enter" widmen.

Anspieltipps: Und dann gibt es doch immer wieder diese genialischen Momente, wie sie gerade genau in der Mitte von Track 4: Verses auftauchen. Ein Ohrwurm von filigraner Gitarrenmelodie, der sich mit seinem ganzen Hall direkt festhakt und natürlich in eine schöne Steigerung übergeht. Das soll nicht negativ klingen! Für diese Art von Musik braucht es meiner Ansicht nach noch gar keine Innovation. Das funktioniert bestens so! Zum Vergleich seien hier Caspian, Mono, Pelican genannt (oft wird daneben noch Isis genannt). Track 6: Xavii besticht durch seine ruhige, unwiderstehliche Schönheit.

Heaven in Her Arms - Erosion of the Black Speckle (Liberation of Butterfly 2007)

So, und nun ein richtiger "take it or leave it"-Kandidat...

Wer sich einmal an das etwas gewöhnungsbedürftige Gekeife des Frontmannes gewöhnt hat, wird aber mit Momenten einmaliger Schönheit belohnt, die er fortan nicht mehr missen will. Heaven in Her Arms kommen aus Japan und das gibt die Richtung ganz gut vor, klingen sich schließlich wirklich wie die Proberaumnachbarn der Hardcore-Heroen Envy. Und auch Heaven in Her Arms wissen treibenden Screamo gekonnt mit Post-Rock zu verknüpfen, hier wechselt sich Mid-Tempo Hardcore zuweilen mit kurzen Kloppereien und sphärischen Elegien ab. Nach den letzten Enttäuschungen aus dem Hause Envy muss man wohl sogar sagen, dass Heaven in Her Arms ihnen mittlerweile den Schneid abkaufen.

Diese fleißigen Jungs haben übrigens ein paar Kostproben ihrer im Februar 2009 erschienen EP bei myspace online gestellt und meine Ohren damit so richtig eingefangen. Da lässt noch einiges auf sich warten!

Anspieltipps: Track 3: Intersection Arrangement, das sphärische Zwischenstück, und direkter Übergang in das repräsentative Track 4: Iron Wine and a Canary (Schon Envy fielen ja durch ihre wahnsinnig coolen Liedtitel auf - welche Wörterbücher benutzen die Japaner denn bitte?). Gemeinsam mit Envy sind auch diese genialen, in den Akkorden verborgenen Melodiebögen und Dur-Moll-Wechsel. Track 6: Correlative Sign und natürlich der epische Schlussakt Track 12: Erosion of the Black Speckle.

Five Minute Ride - The World Needs Convincing of All That It's Missing EP (Rise Records 2005)

Unglaubliche Power strömt da aus den Boxen! Das Schlagzeug jagt uns vor sich her, die Gitarren heulen wie Sirenen auf im Inferno und eine verzweifelte Stimme läutet mit "No one accepts you..." einen geschrienen Refrain ein. Von all der bodenlosen Ignoranz der Welt geplagt, bleibt uns nur dieser Ausweg, all unsere Wut aus uns heraus zu schreien. Keine Frage, das ist und war zum Zeitpunkt des Erscheinens nicht neu. Man tütet das heutzutage wohl schon unter "Emo" ein. Dabei machen Five Minute Ride so richtig Spaß, besonders, wenn man sie richtig laut dreht. Dann kommt die grandiose Rhythmusarbeit in Kombination mit ineinander verwickelten Leadgitarren so richtig zum Tragen. Plus natürlich diese sich überschlagende Stimme, die so gar keinen kalt lassen kann.

Keinen Reim machen konnte ich mir auf die Frage, ob die Band sich schon vor Jahren aufgelöst hat oder doch noch existiert, denn es scheint, als seien sie vom Hardcore-Giganten Victory Records gesignt. Andererseits gibt es seit Jahren kein Lebenszeichen. Das könnte eventuell daran liegen, dass Leadgitarrist Alex Poole im August 2003 an einer unbekannten bakteriellen Infektion starb. Schade wäre es schon, denn hier lag unglaubliches Potential vor. Ähnlichkeiten bestehen meiner Meinung nach zu Clarity Process und in ihrer unheimlichen Energie eventuell sogar zu The Fall of Troy.

Anspieltipps: Track 2: The Rapture Was Yesterday, Track 4: Sinking Conscience, Track 6: Oh, These Woeful Days (großartige Gitarrenlicks!)

3 comments:

gabi von mondamo.de said...

schreibst sehr farbenreich und intensiv, find ich schön. da taucht man in musikwelten ein, ohne je was von der band gehört zu haben!
vielleicht magst du ja auch was schreiben für das magazin für lebenslust? oder hast schon was geschrieben, was du dort veröffentlicht sehen willst? schaust für weitere infos einfach hier mal rein: www.mondamo.de/lust

besten gruß, gabi

Anonymous said...

Danke sehr an den Autor.

Gruss Elisa

Anonymous said...

This was a nice article to read, thank you for sharing it.