Jan 26, 2008

Taiwan's hottest punk band...

kommt aus 高雄 Kaohsiung im Sueden der Insel und hoert auf den Namen 滅火器, zu deutsch Feuerloescher bzw. neudeutsch (und offiziell) Fire Ex.
Die vier Jungspunde sind extrem gut gelaunt und ein Konzert geht mitunter in lustigen Geschichten und Anekdoetchen, zum meisten Teil auf 台語 gehalten, unter. Bei den Anwesenden, die Taiwanesisch und damit auch die Witze verstehen (bei Anwesenheit gern auf Kosten der 外國人), bleibt in den seltensten Faellen ein Auge trocken. Unsereins hingegen schaut oft ein wenig ratlos drein.
Ihre Musik wiederum macht Spass und verlockt, einfach mal wieder so richtig auf die Kacke zu hauen (wie man das frueher machte, als man noch glaubte, dass es cool sei). Von Pogo hat man in Taiwan aber scheinbar noch nicht viel mitbekommen...


video

Jan 25, 2008

Warum Taiwan und die Vereinten Nationen Freunde werden sollten

Durch die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen Anfang 2008 und ein Referendum zur Abstimmung über einen Antrag auf Aufnahme unter dem Namen "Taiwan" in den UN ist Taiwan ein Thema in den Medien, so heiß wie lange nicht mehr. Am 21. März wird der neue Präsident gewählt, am gleichen Tag die Referenda über den Versuch, den UN beizutreten, abgehalten.

UN für Taiwan!


Das Lesen eines Artikels aus The Christian Science Monitor vom 13.12.2006, geschrieben von Bruce Jacobs, will mich ausrufen lassen:

Taiwaner, traut euch!
Habt keine Angst, offen einzufordern, was immer ihr nach einer demokratischen Diskussion und Entscheidungsfindung entschieden habt! Der Ist-Zustand kann nicht von Dauer sein, er ist kritisch, gefährdet den Frieden, treibt die Rüstungsausgaben sinnlos in die Höhe, er gibt euch kein Selbstbestimmungsrecht... Warum lasst ihr das mit euch machen?!!! Ist es die Angst, China könnte im Falle einer Unabhängigkeitserklärung seine Waffen gegen euch richten? Ist die Welt wirklich so schlecht, dass sie das zulassen würde, ohne einzugreifen? (Mit Blick auf Afrika möchte man meinen, dass Entscheidungen über Eingriffe und Hilfemaßnahmen, wenn die Existenz eines Volkes bedroht ist, zumindest ambivalent genannt werden müssen...)

Jacobs argumentiert dagegen, dass gerade eine feste Position die einzige ist, die China zu einer Änderung seiner Politik bewegen könnte, nicht aber das verlorene Flehen aus einer schon aufgegebenen Position. Er vergleicht Taiwan hier mit Ost-Timor, und dieser Vergleich mag etwas an den Haaren herbeigezogen sein. Jedenfalls war China bis zum Sturz Suhartos 1998 entschieden gegen eine demokratische Selbstverwaltung Ost-Timors.
Nach den Umwälzungen aber, die Ost-Timor zu einem eigenständigen Staat machten, war China das erste Land, das seine Unabhängigkeit offiziell anerkannte!

Taiwan, was lernen wir daraus?
Auch in China wird nicht jede Drohung wahrgemacht, aber trotzdem gerne mit dem Säbel gerasselt. Und es ermahnt euch, aufzustehen für eure Rechte (und für sie einzustehen)!
Eine Nicht-Beachtung des DPP-initiieren Referendums aufgrund der Unzufriedenheit mit der Politik des noch-Staatsoberhauptes Chen Shui-bian (DPP) könnte hingegen fatale Folgen haben und in der Welt zu dem Eindruck führen, die Taiwaner seien an einem UN-Beitritt gar nicht interessiert. Fatal deswegen, weil allein machtpolitische Grabenkämpfe zu einer Politikmüdigkeit im Volk geführt haben, die die Bedeutung der Botschaft verblendet, die mit einem Referendum an die Weltöffentlichkeit gelangen würde: Taiwan ist eine souveräne Nation, die Mitglied der Vereinten Nationen sein will und dies verdient.

Welchen Vorteil hat denn der gegenwärtige status quo?
Er wiegt euch in einer trügerischen Sicherheit, die keine ist, weil 60% der chinesischen Militärwaffen auf euch gerichtet sind... Er macht euch unmündig, entwertet die Errungenschaften der letzten 50 Jahre, in denen ihr einen totalitären Staat in eine Demokratie verwandelt habt! Und das Recht auf Selbstbestimmung wollt ihr so einfach verpfänden, in der Hoffnung, es würde schon alles nicht so schlimm werden, wenn ihr doch mit China vereint würdet?!
Hier möchte ich eine ganz wesentliche Bemerkung machen:
Ein Beitritt zu den UN ist keine endgültige Absage an eine spätere Vereinigung mit dem Festland! Wir hatten in Deutschland 50 Jahre lang die gleiche Situation, zwei Staaten, die in der UN und einander verfeindet, nach einer friedlichen Revolution 1989 jedoch bereit waren, sich wieder zu vereinigen. Und dies durch den Willen des Volkes!
Die Verwehrung eines UN-Beitrittes Taiwans beleidigt jedoch die Grundsätze der internationalen Gemeinschaft, das Recht auf Selbstbestimmung eines sich selbst regierenden, demokratischen Staates und das Selbstwertgefühl der Taiwaner. Sind sie nicht gut genug, dass man sich für öffentliche und ganz legale Beziehungen mit dem Inselstaat einsetzen kann, anstelle des entwürdigenden Gemauschels mit "Kulturzentren", die die gleichen Funktionen wie anderswo Botschaften übernehmen. Als gewinnbringender Handelspartner wird Taiwan schließlich auch wahrgenommen, es ist also nicht so als dass wir vortäuschen könnten, es gäbe den Staat gar nicht.

Bruce Jacobs hat in einem offenen Brief vor zwei Tagen noch einmal an beide Präsidentschaftsbewerber Taiwans appelliert, gemeinsam einen UN-Beitritt anzustreben (auch die Kommentare zum Artikel lohnen einen Blick).
Jacobs ist Direktor der Taiwan Research Unit und Professor für Asiatische Studien an der Monash University, Australien, und einer der besten internationalen Kenner der Beziehungen zwischen Taiwan und CHina. Dass er sich so oft und offen für die taiwanische Sache ausgesprochen hat, imponiert mir. Gerade für Akademiker mit Chinabezug ist es nicht üblich, sich politisch zu positionieren.
Doch wir sind auch immer in sozialer und politischer Verantwortung handelnde Wesen und versuchen nach bestem Wissen und Gewissen die Reichweite unserer Stimme für das einzusetzen, was wir als wichtig und schützenswert erachten. Für mich beinhaltet das auch einen normativen Aspekt. Es ist also unsere Pflicht, uns dort einzusetzen, wo wir gebraucht werden, wo wir Wissen mitteilen können und Menschen in positiver Weise beeinflussen. Ich halte daher nicht viel von opportunistischem Relativismus, der Wissenschaftlern absolute Neutralität vorschriebe. Wobei erst noch bewiesen werden muss, inwieweit gewünschte Neutralität überhaupt gewahrt werden kann.

Natürlich sollten wir immer die Fakten auf unserer Seite haben.
Ein Fakt ist, dass Taiwan ein funktionierendes, sich selbst regierendes, demokratisches Staatswesen ist, das heute noch in etwa 30 Ländern auf der Erde offizielle Botschaften als Vertreter Chinas, der "Republik China", unterhält.

Geschichtlich betrachtet ist die Zeit der chinesischen Besetzung der Insel ein historischer Treppenwitz. Jacobs schreibt, nur während der 4 Jahre nationalchinesischer In-Besitznahme ) war Taiwan ein Teil Chinas. Selbst wenn wir die Einverleibung durch die Qing hinzunehmen, kommen wir auf eine chinesische Kontrolle von gerade etwa 200 Jahren ), wobei Jacobs diese als "mandschurische Fremddynastie" gar nicht als "chinesisch" gelten lässt (demnach war auch China in jener Zeit lediglich mandschurische Kolonie). Dieser Punkt ist natürlich heftig umstritten.
Die Essenz daraus ist, dass Taiwan erst seit Ende des 17. Jahrhunderts überhaupt chinesischem Einfluss unterliegt! Wobei Taiwan von den letzten 112 Jahren 50 zu Japan gehörte ), 4 zur festländischen Republik und sich seitdem (1949-), also jetzt im 59. Jahr, selbst regiert!
Und es soll niemand glauben, dass z.B. der japanische Einfluss gering gewesen wäre... Viele Taiwaner der ältesten noch lebenden Generation können eher in der japanischen als in der (hoch-/mandarin-)chinesischen Sprache kommunizieren, die gegenwärtige Jugend ist stark vom grellbunten Stil des modernen Japan beeinflusst.

Zwar besteht die Bevölkerung offiziell zu 69% aus Han-Chinesen, doch Muttersprache ist bei etwas über 60% der Menschen das Taiwanesische (oder Hoklo, eine Unterform des Minnan), und lediglich bei 21% Chinesisch (, sowie ~8-9% Hakka). Der Großteil der Taiwaner ist in der Ming- und Qing-Zeit auf die Insel gelangt, und hat seine Ursprünge in der chinesischen Provinz Fujian. Dieser Teil der Bevölkerung wurde bis zu den Reformen in den 80er Jahren von der Politik ausgeschlossen. Erst mit Li Tenghui wurde ein eingeborener Taiwaner erstmals Präsident. Li war 1996 auch der erste demokratisch legitimierte Präsident.
Man mag die Sprunghaftigkeit im Wahlverhalten der Taiwaner bei der letzten Wahl für merkwürdig halten, die Ergebnisse vom Januar 2008 den Medienkampagnen der KMT oder der voreingenommen Berichterstattung der ausländischen Presse anhängen, aber in den mehr als 10 Jahren Demokratie auf Taiwan hat sich vieles getan: So wurde das kulturelle Erbe der (bisher 13 offiziellen) Ureinwohnerstämme anerkannt und in ein neues taiwanisches Selbstverständnis integriert - noch in der Kuomintang-Zeit wurden sowohl Ureinwohner als auch Hoklo unterdrückt.

Taiwan ist eine landschaftlich wunderschöne Insel. Es ist heute möglich, sich als Ausländer frei in diesem Land zu bewegen, das zudem nach Japan die rasanteste wirtschaftliche Entwicklung der ostasiatischen Staaten genommen hat. Ausländern wird mit großer Gastfreundlichkeit und Höflichkeit begegnet. Ich bin auch durch China gereist, und im Vergleich lässt sich sagen, dass man sich als weißer Ausländer in Taiwan unbehelligter bewegen kann, ohne dass touts an jeder Straßenecke auftauchen und einem Hotels oder Busse andrehen wollen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind nicht durch eine "Große Proletarische Kulturrevolution" zerstört worden. Taiwan ist eine der sichersten Länder der Welt, und die vieles von der alten Volksreligiosität, das auf dem Festland Opfer säkularistischer Verfolgung wurde, lebt hier weiter.

Und was ist der Lohn aller Mühen?
Aus politischen und vor allem wirtschaftlichen Gründen kann sich kein größeres Industrieland der Welt entschließen, Taiwan offiziell anzuerkennen.
Für eine stabile Lage in der Taiwan-Straße ist aber ein Änderung des jetzigen Zustandes von elementarer WIchtigkeit. Entweder Einheit mit China oder rechtlich wirksame Unabhängigkeit.
Und wer sollte darüber entscheiden?
Ein wenig spiegelt sich die Situation der DDR hier wider. Hätten wir es hingenommen, wenn die UdSSR im Alleingang entschieden hätte, dass die DDR etwa mit Deutschland oder Russland vereinigt würde, und kein Staat der Erde hätte Einspruch erhoben dagegen?

Wer also kann über das Schicksal Taiwans entscheiden, wenn nicht die Taiwaner selbst?!

Natürlich müsste man ebenso eine Mehrheit für eine Vereinigung mit China akzeptieren, so diese zustande käme. Ja, es wäre schade um die Errungenschaften der Demokratie und Selbstverwaltung Taiwans, aber es gibt auch kein (bekanntes) Naturgesetz, das eine Demokratisierung Chinas verhindert.
Ebenso heißt eine jetzige Unabhängigkeit Taiwans nicht, dass es nie wieder zu einer Einigung mit China kommen kann. Voraussetzung wäre allerdings ein Wandel in einem der beiden Systeme, oder eine gegenseitige Annäherung.

Und warum halte ich einen UN-Beitritt Taiwans für so bedeutsam?

1. Dieser würde für völkerrechtlich garantierte Sicherheit des taiwanischen Staates und damit Stabilität in der Taiwanstraße sorgen. Wir können uns gar nicht mehr ausmalen, was es heißen muss, in einem beständigen Zustand der Labilität, einer unsicheren Souveränität, zu existieren.

2. Lung Ying-tai (eine der bekanntesten taiwanischen und chinesischen Intellektuellen) argumentiert in "Waisenkind der Welt" (Le Monde diplomathique 1/2007), dass es gegen die Menschrechte verstößt, ein Land von der internationalen Gemeinschaft auszuschließen, von ihren Diskussionen und Einsätzen, der Informationsweitergabe und gegenseitigen Hilfe innerhalb dieser Gemeinschaft, davon, seinen eigenen Namen zu tragen. Wie sie zurecht anmerkt, "muss [Taiwan] andere Nationen dafür bezahlen, dass sie die diplomatischen Beziehungen nicht abbrechen" (in Form von Wirtschaftshilfe und Stipendien für Studien in Taiwan). Seit dem 25.Oktober 1971 ist Taiwan nicht mehr Mitglied in den Vereinten Nationen, damals trat die Republik China in Protest gegen die Aufnahme der VR (und unter der Wahrung des Dogmas von der Ein-China-Politik) selbst aus. Heute wird sie nicht mehr hereingelassen. Wo bleibt da die Moral? Was bleibt von dem schönen Vorsatz, Gerechtigkeit und Menschenrechte in die Welt hinaus zu tragen?

3. Eine große Stärke in Lungs Artikel sind die Zahlen, die allein Bände sprechen: nach Umfragen glauben 80% der Taiwanesen, dass Taiwan international ein geringes Ansehen hat. Aber "80% wissen auch nicht, wo das UN-Hauptquartier liegt, in welcher Stadt der Nobelpreis vergeben wird, wo der größte Regenwald ist", und - was noch schockierender ist ;) - "60% wissen nicht, welche Währung Deutschland benutzt und auf welchem Kontinent Athen liegt". "Die Umfrageergebnisse stammen aus Taipeh, wo 45% der Bevölkerung mindestens einen College-Abschluss haben, im Vergleich zu nur 13% in Hongkong."
Wie das mit einem UN-Beitritt zusammenhängt?
Seit 35 Jahren ist Taiwan international politisch weitgehend isoliert. Seine Politiker müssen über Umwege ins Ausland fliegen, wenn sie mit den Politikern anderer Staaten zusammentreffen wollen. Wie soll in Taiwan ein weltpolitisches Bewusstsein und Engagement entstehen, wenn der Staat von der Weltgemeinschaft ignoriert, geradezu geächtet wird?


Abschließend möchte ich Lung Ying-tai zu Wort kommen lassen, die eindringlich beschreibt, warum ein UN-Beitritt Taiwans so wichtig ist:

37 Jahre lang lebten die Taiwaner unter Kriegsrecht, das erst 1987 endete. Aber die internationale Isolation, die 1971 begann, dauert schon schon 35 Jahre. In dieser Isolation bauten die Taiwaner die erste und einzige Demokratie in der chinesischsprachigen Welt auf und schufen ein Wirtschaftswunder. In dieser Isolation weiß dann die große Mehrheit der befragten Taiwaner nicht, wo das UN-Hauptquartier ist oder wo Athen liegt. Taiwaner haben das Gefühl, sie würden wegen ihrer Demokratie bestraft [!!!] und die Weltgemeinschaft schaue zu, wie Generationen taiwanischer Kinder zwar im globalen Dorf aufwachsen, aber ihre globalen Bürgerrechte und Würde beraubt werden.
Dies hat zwei Auswirkungen: 1. Es behindert Taiwans Demokratie: Wie kann echte Demokratie entstehen ohne Teilhabe an den globalen Pflichten? 2. Mit zunehmender Isolation wachsen Frustration, Animosität und entsprechend der Wunsch, endgültig mit China zu brechen. Das verstärkt den Konflikt.
Bei Chinas Such nach Modernität ist Taiwans Demokratie immer die wichtigste Referenz gewesen. Wenn ein demokratisches China für den Weltfrieden entscheidend ist, dann muss das globale Dorf präventiv Krieg verhindern, also Taiwans junge Demokratie schützen und pflegen. Taiwans Isolation muss aufhören.

(Lung Ying-tai: Waisenkind der Welt. Taiwan und die Menschenrechte, übs. von Sven Hansen, in: Le Monde diplomathique, Edition, No. 1/2007, S. 37)

Für viele von uns mag Taiwan unheimlich weit weg sein, doch gibt es Menschen, die von unserem Engagement, unseren Stimmen, unserer Unterstützung unmittelbar betroffen sind. Ich kenne einige von diesen Menschen. Sie haben sich aufopferungsvoll um mich gekümmert, mir zu Essen gegeben oder den Weg gezeigt und sind mir ans Herz gewachsen.
Taiwaner aller Länder, erhebet eure Stimmen!



Ich bitte die Leser meines Blogs, den Links zu folgen und die Artikel Bruce Jacobs sowie, falls möglich, Lung Ying-tais zu lesen. Und ich habe einen Buchwunsch für unsere Bibliothek: Legitimizing Taiwan, die phD-Arbeit von Mark Harrison.

Jan 23, 2008

Dominic Johnson und der Völkermord mit anderen Mitteln

Es wäre gerechtfertigt, die taz allein aus dem Grund zu abonnieren, dass in ihr regelmäßig die Artikel des Dominic Johnson aus und über Afrika erscheinen.
Johnson ist über Jahre der in meinen Augen beste und engagierteste deutschsprachige Journalist auf dem Kontinent - und ich finde auch die Sachen von Bartholomäus Grill in der Zeit oder von Michael Birnbaum in der Süddeutschen hervorragend!

Mir ist heute ein Artikel auf der Internet-Präsenz der taz in die Hände gefallen, der sich nicht mit aktuell medial präsenten Vorgängen auseinandersetzt, sondern mit "Völkermord mit anderen Mitteln", nämlich der Gewalt gegenüber Frauen, konkret in der Demokratischen Republik Kongo. Wie auch schon Henning Mankell schrieb, ist die Gleichberechtigung von Frauen Voraussetzung für eine positive Entwicklung Afrikas (in diesem Falle aus der AIDS-Falle heraus).

Wer den taz-Artikel liest, der kann gar nicht anders, als kalte Schauer am ganzen Leib zu spüren. Von meinem ursprünglichen Vorhaben, mir ein Schnittchen zu schmieren, habe ich jedenfalls Abstand genommen - ich hätte es ja doch nicht herunter bekommen.
Dabei soll niemand denken, exzessive Gewalt wäre ein rein afrikanisches Phänomen! Was haben unsere (damals schon zivilisierten) Vorfahren nicht alles geplündert, geraubt und gemordet!?
Seit einer gewissen Zeit ist es uns im sogenannten Westen jedoch vergönnt, ein sehr sicheres und behagliches Leben zu führen. Was uns Sorgen macht, sind allenfalls aufgebauschte Theorien von die Weltherrschaft anstrebenden religiösen Kleingruppen, die - ganz elitistisch - ihre Mitglieder aus den kulturell Bekanntesten rekrutieren, und darum in Deutschland als 100mal mehr und bedrohlicher angesehen werden als die 5-6000 Mitglieder, von denen der Verfassungsschutz ausgeht. (Nein, das böse S-Wort wurde nicht erwähnt...)

Aber was unterscheidet uns von Afrika?
Warum artet Gewalt ausgerechnet in Afrika so aus? - Wobei gesagt sein muss, dass sie das ja nicht überall tut. Doch selbst in einem relativ entwickelten (nach westlichem Verständnis) Land wie Kenia löst ein Wahlbetrug (oder ein undeutliches Ergebnis) eine furchtbare Krise aus, in deren Verlauf es zu willkürlichen und brutalen Morden kommt. Und es ist überall das gleiche - immer müssen die Schwächsten dran glauben.
Warum ist das so?
Ist es so, weil wir uns schon daran gewöhnt haben, und die Betroffenen auch? Wir sollten das kollektive, kulturelle Gedächtnis nicht unterschätzen. In unserem Falle lässt es Demokratie, Menschenrechte und Gleichberechtigung als selbstverständlich erscheinen (obwohl wir vielleicht erst seit 50 Jahren von deren Durchsetzung sprechen können). In Afrika ist es dann vielleicht die Regierung der Despoten mit harter Hand, das Bewusstsein des Aufgegebenseins durch die (vom Westen dominierte) Weltgemeinschaft - ja, eine Erniedrigung durch jahrhundertelange Ausbeutung und Unterdrückung, die tiefe Spuren im Selbstwertgefühl hinterlassen hat, ohne dass sich die Menschen dessen bewusst sind... Hier sollte ein Fragezeichen stehen... Vor diesem Hintergrund ist die neue Freundschaft zwischen China und Afrika eventuell sogar mit der Hoffnung auf einen Neuanfang, auf eine weniger vorbelastete Beziehung verbunden. Indes, ich befürchte, dass auch viele Chinesen bereits eine Meinung von Afrika haben. In unserer heutigen Welt bleibt nichts lang genug verborgen...
Doch hat z.B. Asien nach 1945 eine ganz andere Entwicklung als Afrika genommen. Woran liegt das? - Ich bin niemand, der geographisch- oder ethnisch-deteministischen Modellen etwas abgewinnen kann. Und der afrikanische Kontinent ist an Rohstoffen doch so reich. Für eine schnelle Entwicklung im progressivistisch-kapitalistischen Sinne wären doch Voraussetzungen gegeben.

Wir müssen dem afrikanischen Kontinent die Chance einräumen, sich selbst von Grund auf neu zu organisieren!
Im Moment stellt sich dies mir als der einzige Ausweg dar.
Das beinhaltete aber auch, dass wir uns komplett zurückzögen, dass wir auf unsere Gier nach billigen Rohstoffen verzichteten, und den Industriezweig namens Entwicklungshilfe abbauten. (Sehr empfehlenswert in diesem Zusammenhang auch ein Artikel des Kenianers James Shikwati "Fehlentwicklungshilfe" in der Zeitschrift Internationale Politik, den man über unseren webvpn-Uni-Zugang erreichen kann.) Wie dem Problem der Dürren und Mangelernten, der Wasserknappheit und den Epidemien umgegangen werden soll - das stellt meinen Gedankengang vor Probleme. Falls jemand mit einer Möglichkeit käme, wäre ich dafür äußerst dankbar!
Denn meinem Gewissen stellt sich der Hinweis auf eine durchaus denkbare "Selbstreinigung" Afrikas - was konkret das Sterben all der Schwächsten und das Überleben der Stärksten bedeuten würde - als widerlich und unzumutbar dar. Und was dieses mit dem afrikanischen Selbstwertgefühl täte - darüber möchte ich gar nicht nachdenken.
Das bedeutet zunächst, die unseligen Staaten abzuschaffen, da sie sowieso nicht entlang von Stammesterritorien begrenzt sind. Eine Wirtschaft, die auf relativ autarken Dorfgemeinschaften basiert, passt doch viel eher auf die afrikanische Lebensweise, wie mir scheinen will. Doch wie begegnen wir dem Problem von Autoritäten und der Nutzung des Macht- oder Waffenmonopols durch eine günstiger positionierte Gruppe?
Wie wäre es mit einem Blick zurück?
Afrikanische Gesellschaften haben doch lange existiert, ohne dass entscheidender Einfluss von außen genommen worden wäre. Es muss also möglich sein, eine nachhaltige Gesellschaft zu etablieren. Vielleicht sollten wir (im Sinne von wir an dem Problem INteressierten) uns an den gesellschaftlichen Modellen der Vergangenheit orientieren, um positiv in die Zukunft sehen zu können. Wer hat denn festgelegt, dass Geschichte eine gerade Linie ist, die immer nur nach vorne läuft, im Klartext also zu immer größeren Fortschritten in Forschung und Technik, Biologie und Lebensweisen führt und letztendlich zur Ausradierung des Planeten, weil dessen Uhr nämlich nicht geradeaus läuft, sondern im Gegenteil im Kreis, sich immer wieder im Kreislauf von Jahreszeiten erneuernd?

Ich möchte euch, die ihr euch Gedanken gemacht habt, inständig bitten, mir Einblick in diese eure Gedankengänge zu gewähren!
Als weiterführende Literatur sei hingewiesen auf das Buch "Beyond Humanitarianism", das erst kürzlich vom Council on Foreign Affairs herausgegeben wurde. In unserer Bibliothek ist es leider noch nicht vorhanden.
Eine Diskussion über dieses Thema (in freundschaftlicher Atmosphäre) ist, was mir in meinen Träumen dieser Tage vorschwebt... Ich danke...

(das Bild ist aus Tanzania, von meinem Bruder oder mir geschossen)

Jan 20, 2008

Was ist Musik?

Was ist Musik?

Was ist Musik - außer einer Frage über die individuelle Bedeutung hinaus...?

Nun, da ich unserem eigenen Werk "the lost art of balancing nine-inch squared balls" lausche (überhaupt, die eigene Musik, das kreative Werk unserer eigenen Nervenverbindungen, ist sie eine Essenz unseres Lebens selbst, das Ein und Alles, das uns beschreibt, wie es tausend Worte nicht vermögen? Ist die selbst erschaffene Musik die größte, die wir uns überhaupt vorstellen können? Der Inbegriff und Sinn von Klängen in uns verabsolutiert?) ..., da ich dem Werk meiner eigenen, leider (von meinem Standpunkt aus) viel zu unbekannten und tragischerweise sich stets auf dem bisherigen Höhepunkt trennenden, Band lausche (andächtig fast, ja), erinnere ich mich an mein Leben in Tönen...
Musik ziert unseren Weg, wenn wir ihr diese Bedeutung geben. Und hinterher erkennen wir an den Klängen, wo wir eigentlich entlang gingen, was uns unterwegs widerfuhr, wo wir an eine Gabelung kamen und uns für eine Richtung und gegen eine entschieden...

Tief hinterlässt Musik ihre Spuren in uns.
Musik ist ein Teil dessen, worüber wir uns definieren. Über sie fühlen wir uns bestimmten Menschen und Gruppen zugehörig und lehnen andere ab. Wie in einer Miniatur können wir in Musik uns selbst betrachten. Da wir nicht selbst Musik sind, ermöglicht es uns diese Außenperspektive.
Unser Musikgeschmack dokumentiert die Wendungen und Kurven, die wir im Leben genommen haben. Wie wir uns untreu geworden sind, oder zumindest dem Teil von uns, der niemals, niemals so werden wollte. Wie uns doch immer etwas Besonderes mit der früher geliebten Musik verbindet, auch wenn die Liebe mittlerweile erkaltet ist - wie in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Musik ist immer Teil der Religion und ihrer Wahrnehmung, ob als integraler Bestandteil oder in asketischer Ablehnung.

Heute.
Wir alle unterlaufen einen Prozess musikalischer Entdeckung und Sozialisation durch Eltern, Freunde, Medien. Das Lustige ist, dass wir in musikalischen Entdeckungsreisen schon lernen, was später im Studium als "Schneeballsystem" auf wissenschaftlichem Bereich mit heiligem Scheine umgeben wird.
Es lohnt sich, diesen Fundus der musikalischen Früh- und Bronzezeit aufzubewahren, auch wenn einem so manche Peinlichkeit nicht erspart bleibt. Dies ist also nicht einfach nur eine Liebeserklärung an sie selbst, sondern auch ein Aufruf zum bewussten Genuss und Erleben von Musik!
Nervenenden sind an Wahrnehmungen aller Art geknüpft, innen wie außen, und das Hören einer bestimmten Musik ist verbunden mit Erinnerungen, die man im Verlauf früherer Hördurchläufe machte. Besonders in jenen intensiven Phasen des Erlebens, in denen eine Platte ständiger Begleiter und wichtigster Bestandteil des alltäglichen Lebens war.

Welche Namen fallen mir, dem Hörer Jacob, da ein?

Ich kann nun natürlich nicht alle Alben anführen, die ich über die Jahre gern hatte, auch wenn ich so eine Discographie schon aus purer Eitelkeit überaus bedeutsam empfinde. Nur ganz wenige Ausnahmeerscheinungen dürfen den Selektionsprozess überstehen. Jene, die mir jetzt noch klar im Gedächtnis sind.
Chronologisch bin ich zuerst mit den Platten meiner Eltern Liebesbeziehungen eingegangen. Das war zum größten Teil Art-Rock aus den Siebzigern. Eine Phase, in der ich mich auf die klassischen Meister stürzte (und die mir einen guten Stand bei unserem Musiklehrer einbrachte), klammere ich verlegen aus, denn darin habe ich in 40 Jahren noch Zeit zu schwelgen.
Meine erste eigene Entdeckung (mit Unterstützung meines [damaligen] Studenten-Onkels) war Pearl Jam, "vs.". Ich bin Monate hinter ihm hergerannt, damit er mir endlich die verdammte Kassette überspielte! - Dabei erinnere ich mich an das schrecklichste und unpassendste Geschenk, das ich jemals bekommen habe. Das war in der Grundschule, und jeder zog ein Los mit dem Namen eines Mitschülers, dem man dann ein Weihnachtsgeschenk machen sollte. Eine hier nicht näher identifizierte Person (bzw. ihre Eltern) besaß die Geschmacklosigkeit, mir eine "I´ve been looking for freedom" betitelte Kassette - ihr erratet es - von Freizeitschauspielern, deren Mimik vom Spiel ihres sprechenden Autos in den Schatten gestellt wird, und anderen 80er-Jahre-Fönfrisuren (jawohl, das musikalisch erbärmlichste Jahrzehnt, das unsere Erde erdulden musste!).
Doch ich schweife ab.
"Elderly woman behind a counter in a small town" ist immer noch ein melancholisches Meisterwerk, das man wie einen guten Freund immer wieder zur Tröstung heranziehen wird.
Pearl Jam war kein eigenständiger Anfang, ich gebe es zu. Aber die wenigsten Menschen erwachen mit einem großen Knall. Und allen im Phänotyp mächtigen Erscheinungen wohnt eine sich kontinuierlich steigernde Entwicklung über einen gewissen Zeitraum inne.

Mein erster Knall war vielleicht "science fiction" von Blackmail, jedenfalls ist mir diese Platte noch deutlich in Erinnerung.
Das müsste 1999 gewesen sein, und ich kann mich noch genau an die dunkle Atmosphäre der Platte (auf die ich über ein Review im Musikexpress - was man nicht alles mal verbrochen hat - gestoßen bin) und den Sog erinnern, den sie entfaltete, ihre versteckten Melodien, die erst als "flash back" so richtig zogen. Blackmail wurden später ja richtig groß, besonders, und das verwundert, in Japan. Ich sah sie irgendwann mal auf einem kostenlosen Open Air in Reudnitz und da waren sie bekifft und besoffen und alt und wirkten so arrogant, als müssten sie sich das eigentlich gar nicht antun, da für umsonst zu spielen.
Zur gleichen Zeit las ich "Felidae", und genau weiß ich noch, wie "science fiction" die Atmosphäre und Dichte des Buches musikalisch in Bilder tauchte.

In Zeiten musikalischer Inflation durch (günstige) downloads und mp3 ist es Leuten wie mir, die von Sammelwut befallen keine lohnenswerte Veröffentlichung zu verpassen geneigt sind und dazu noch immer neue back-Kataloge erforschen müssen, kein Leichtes, ein Album oft genug zu hören, so dass es zu einem "Liebling" werden kann.

Aus einer Zeit, in der ich von k.o.-setzender Wahlmöglichkeit noch verschont war, stammt ein anderer Meilenstein meiner Laufbahn als Musikhörer. Dieser war "full collapse" von Thursday, und er trat 2001 eine musikalische Revolution los - zumindest in meinem kleinen Universum. Emotionen und ihr skrupelloses Ausleben überfielen meine Existenz als wäre das alles, worauf ich jemals gewartet hätte. Mit einem Mal war mir klar, dass das die logische Konsequenz meines Seins und Fühlens, meiner ganzen Persönlichkeit war und ich nach nicht mehr suchte als dieser konsequenten Ehrlichkeit in Musik, die man unbewusst und stets treffsicher fühlt. Man weiß einfach, dass sie da ist, wenn man sie einmal gespürt hat.
Ich wusste, dass ich in meinem tiefsten Herzen von Emotionen beherrscht wurde und nur darauf wartete, alle diese Gefühle herauszulassen. Ich bin ein ebenso extro- wie introvertierter Mensch, aber wichtig ist mir, so ehrlich und authentisch wie möglich zu sein und immer meinem Herzen zu folgen. Ich schrieb mir die Textzeilen von Hot Water Musics Lied "It´s hard to know", die da sind: "Live your heart and never follow" - nein, nicht auf den Arm, aber auf ein Stück Papier und hängte es mir übers Bett. Auf dass ich es nie wieder vergessen würde...
(ein großartiges Album übigens, "No Division" erwähnter Hot Water Music!)

Doch wehre ich mich gegen eine Vereinnahmung von Emotionalität oder (sogenannten) "Emos" als destruktiv, melancholisch, manisch, suizidal! Es wäre töricht, zu behaupten, Gefühle gäbe es nur in einem Teilbereich menschlichen Empfindens! Und so kann ich plakative, sich selbst zur Schau stellende Depressivität nur insofern ernst nehmen, als da ein Teil des betreffenden Menschen nach Aufmerksamkeit schreit, eigentlich nicht glücklich mit seinem eigenen Verhalten ist, sich aber doch nicht aufraffen kann, aus diesem Kreis auszubrechen...
Ich kenne diese Art effektheischender Depressivität aus einem anderen Zusammenhang, und ich kann nur betonen, dass sie mit Emo nichts zu tun hat, außer, man definiert wirklich eine Musikrichtung als psychisch begrenzt empfänglich. Dann jedoch wäre der gewählte Name seiner eigentlichen, verständnistragenden Funktion entkleidet und demnach irreführend.
Für mich heißt Emo nicht Ritzen, noch eine bewusst negative Einstellung zur Außenwelt. Natürlich mag ich den emotionalen, wütenden oder melancholischen Gesangsstil, aber auch die Atmosphäre in der Musik. Genau so verhandelt Emo nicht in erster Linie persönlich erfahrenes Leid, sondern ist mindestens ebenso hochgradig politisch. Politisch oft in einer sehr lyrischen Form, die sich dem Einzelschicksal als stellvertretend für den großen Zusammenhang annimmt. Emo steht immer noch in der Tradition des Punk und sollte engagierend wirken! Es ist schade, wenn Emo bloß eine Mode, ein neuer Trend sein sollte und von daher eigentlich Pop als in der Definition von "populärer Musik" - in den USA ist jenes wohl schon eingetreten, und Emo ist musikalisch, psychologisch und modisch ein Massentrend geworden, von gleicher Güte wie sonst nur HipHop und der traditionelle Pop.
Vollkommen verschont sind wir in Europa davon nicht geblieben. Der SIcherheit halber können wir uns aber distanzieren, indem wir das schlimme "E"-Wort nicht mehr verwenden. Wunderschöne, emotionale Musik werden wir immer wieder, auch abseits ausgetretender Pfade, finden, egal ob sie dann "emo" gelabelt ist oder nicht.

Und was kam danach?

Stagnation.
Oder auch nicht.
Weiterentwicklung, natürlich.
Aber das oben gesagte gilt auch heute noch, nur vielleicht in diffuserer Form. Wie gesagt, Emotionen müssen nicht nur wütend und schreiend zum Ausdruck gebracht werden, sondern können ganz einfach auch vom größten Glück der Welt künden!
Ich könnte jetzt auch einen ganz furchtbar modischen Begriff verwenden und behaupten, mein Musikgeschmack habe sich pluralisiert.

Ich weiß noch genau, dass mir irgendwann "Closing Time", das Debut von Tom Waits in die Hände fiel. Wieder, müsste man sagen. Tom Waits war mir noch gut bekannt, als derjenige Kasper aus dem Sammelsurium meiner Mutter, bei dem sie immer die Anlage aufdrehte und vollhals mitgrölte/krächzte etc., was bei mir alarmiertes Unverständnis auslöste. Wie konnte man sich dem nur aussetzen? Ohne Drogen, meine ich.
Dieser Barde war mir von daher also ein Greuel, ein allzu bekanntes noch dazu.
Doch gibt es all diese schlaumeiernden Sprüche, die uns weismachen, dass wir alle irgendwann unseren Eltern immer ähnlicher werden.
Die sollen keiner empirischen Untersuchung unterzogen werden, aber irgendwann hatte mich Tom Waits auch am Kragen erwischt. Und "Closing Time" war ja noch harmlos, im Vergleich zu seinen sonstigen Lärm- und Tonorgien! (Auch wenn Waits natürlich kein Stockhausen ist, und ich weiß wovon ich rede, schließlich war ich als 13-jähriger Augenzeuge eines Stockhausen-Musicals mit lauter kreischenden Menschen in Katzenkostümen. Ich habe selten ein Konzert vorzeitig verlassen, aber da jenes mich keinen Eintritt gekostet hatte, ließ sich die Flucht relativ gut rechtfertigen...)

Wann der Waits-incident war? - Ist das von Belang?
Was zählt, am Ende des Tages, ist, das der Taucher die Perle gefunden hat, ist es nicht so?

Eine nächste Revolution brach in Schweden aus, wo ich ein Jahr Erasmus-Student spielte, doch hauptsächlich Erasmus war, dem sinnstiftende Tätigkeit nahelegenden Begleitverb entlaufen. - Es ist ein offenes Geheimnis, dass Erasmus-Aufenthalte nicht dem Wissenserwerb in einer bestimmten Disziplin gedwimet sind. - Nebenbei gesprochen, war jene Zeit eine der glücklichsten meines Lebens. Einen Anteil daran hatte, neben all den wunderbaren Menschen, die zu treffen mir vergönnt war, vielleicht auch die positive Musik, mit der ich in der Nation meines Vertrauens und Herzens, Kalmar nation, konfrontiert wurde. (Alle, die Uppsala kennen, wissen wovon ich spreche; die Nationen sollen hier nicht Thema sein.)
Es war Calle, der resident DJ, der samstags zu seinem Klub "Elevation" auflegte, was er Disco, House, Soul, Gospel nannte und mir die Augen öffnete und die Tanzbeine durchgehen ließ. Früher oder später fanden wir uns allsamstäglich auf den Tischen tanzend wieder. Bis heute ist Elevation für mich der Inbegriff sinnvoller Disco, tanzbarer und euphorischer Musik. Und ich bin jedesmal von neuem enttäuscht, wenn ich mich in der Erwartung auf ähnlihce Erweckungserlebnisse zwischen tanzende Menschenmengen begebe.
Ich entdeckte meine Lust zu alles transzendierenden, un-choreographierten Solo-Darbietungen auf offener Tanzfläche, ich lernte den Schweiß und die Atmosphäre lieben, das großartige Gefühl, all jenes mit wunderbaren, freundlichen Menschen zu teilen und zu wissen, dass sie ebenso empfinden. Und vor Liebe zu vergehen.
Ja, sicher ist dies eine Voraussetzung dafür, dass mir euphorisches Disco-Erleben erst ermöglichte wurde.

Musik ist auch ein Begleiter dieser Unnahbaren, der Liebe.
Die schönsten und die grausamsten Momente des erschütterndsten aller Gefühle verbinden wir umso stärker mit jener Musik, die wir zur Verarbeitung unserer Gefühle benötigten.
Noch viel intensiver als wir das sonst schon tun.
In mir wallte die heftigste Liebe, die ich bis dahin gekannt, und sie entflammte trotz einer Entfernung von 600 Kilometern und durch zwei Monate des Kennenlernens (und es kann sofort funken!).
Wir hörten in der einen Woche, in der ich sie besuchte, nahezu ununterbrochen "temper the wind to the shorn lamb" von This Beautiful Mess. Unterbrochen nur von Elliot Smith, und auch der war ein Mörder an der Liebe (Selbst). Nach dieser Woche hätte ich in irgendeinem Erdloch versinken mögen, denn eine versagte Existenz machte so oder so wenig Sinn. Ich hörte die Platte also weiter, um in Erinnerungen zu schwelgen und die Realität so weit wegzudrängen, wie es mir möglich war. Ich schwamm in einem Ozean, in dem Hoffen, das Noch-mögliche, und Wissen, das Bereits-verhinderte, einander umschlungen. Was habe ich geliebt, Mina!
Und du musst es gewusst haben, wir Menschen sind doch intelligent und fähig, in den Augen und den Händen zu lesen!
Noch heute werden ich melancholisch, wenn ich "temper..." höre, und eigentlich sollte ich mich schämen, given the situation. ...und was wäre, wenn alles anders gelaufen wäre, damals?
(Ist das, was uns davon abhält, im Hier und Jetzt vollkommen glücklich zu sein, die Erinnerung an das, was anders hätte sein können? Ist es das Nicht-abgeschlossenhaben mit einer Vergangenheit, mir der man nicht abschließen kann - denn Vergangenheit ist ein Teil in uns, der sich nicht wegsperren lässt - ?)

The Album Leaf erinnert mich heute über die Entfernung an eine andere Liebe, die ich im Ungewissen zurück gelassen habe. Das war die Musik, die wir vor dem Einschlafen hörten.

Und so höre ich heute melancholische Musik, wenn ich traurig bin oder Gedanken nachhängen will, alte Bilder vor mein inneres Auge rufe und mich leise entschuldige bei denen, die viel zu lange auf Nachricht von mir warten. Und ich höre Disco und Soul, wenn ich ausflippen will und tanzen. Und in all der Zeit dazwischen höre ich meine emotionale Rockmusik, laut, wenn es sein muss, und Jazz, wenn es nicht sein muss.

Und nun habe ich den vollkommensten Teil von mir preisgegeben, den Teil, der zu vollkommen ist, als das er ich sein könnte. Der neben mir her existiert, mich überleben wird und bei unendlich vielen Menschen außerhalb meiner selbst ein Zuhause finden wird. Doch wo ich mich lassen kann, das ist, etwas zu erschaffen, das anderen Menschen Bedeutung in ihrem Leben schenkt. Etwas, das in ihnen Gefühle auslöst und ihr Leben komplettiert. Musik zu machen ist kein rein narzisstischer Vorgang. Für manche Menschen ist er einfach Lebensinhalt und Sinn.